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Bienvenue en France! Oder: Wie man es nicht macht

(ganz unten gehts direkt zu den Fotos)

Ich lache. Ich lache LAUT. Kann selbst nicht so richtig glauben, dass ich das geschrieben habe.

Mein letzter Blogpost ist keine 4 Monate alt, und doch denke ich mir: Wenn ich damals gewusst hätte … OMG.

Ich sitze im Apartment von Freunden und starre aufs Meer. Auf den Südfranzösischen Atlantik, genauer gesagt. Den Teil davon, den man vom Örtchen Mimizan-Plage aus sieht, noch genauer gesagt. Die Sonne scheint und die Wellen rollen gemütlich an den Strand.

Das Wasser ist immer in Bewegung, und es scheint, als hätte es einen Charakter. Mal kommt es entspannt herangeschwappt, und man kann durch das hellblaue Nass bis auf den Meeresboden schauen. Dann, vielleicht schon am nächsten Tag, krachen große dunkelblaue Rollen an den Strand, und das Spray der tiefblauen Riesenwellen verleiht dem Ozean etwas Wildes, fast Löwenhaftes.

Ich schmunzele. Über was, weiß ich selbst nicht so genau. Über das Leben. Über die Bewegung im Leben. Über meine Naivität. Über Zufälle. Und dass sie vielleicht keine sind. Über den ganzen Wahnsinn der letzten Monate.

Über all die krassen Sachen. Und über die Ruhe, mit der ich hier nun sitzen kann, während ein Kätzchen sich schnurrend und wärmend an mich lehnt. So, als wäre nichts gewesen.

Ich denke nach übers nicht mehr Können und trotzdem weitermachen. Übers Angst haben und übers sich hinauswachsen. Über meine … Verrücktheit beschreibt es wohl am besten. Etwas in mir wurde ver-rückt. Befindet sich nun an einem Ort.

Ich schmunzele nochmal, weil ich mich auch darüber freue, dass mich so viele liebe Menschen die komplette Zeit über unterstützt und an mich geglaubt haben. Es noch tun. Die mir Geburtstagspakete geschickt und an mich gedacht haben, selbst wenn ich mit meinen Gedanken sonst wo war.

Ich lache über das Leben und darüber, wie man immer nur damit beschäftigt ist alles zu planen, weil man sich einbildet, man hätte irgendwas unter Kontrolle, und wie es am Ende dann natürlich doch wieder ganz anders kommt.

Und wie einem das Leben immer wieder beweist, dass man einfach gar nix unter Kontrolle hat. Oder nicht besonders viel. Zumindest nicht mit dem Gehirn. Weil der Bauch es einfach viel besser weiß.

Heute kann ich zumindest ein bisschen darüber lachen. Vor ein paar Monaten war‘s irgendwie noch nicht ganz so witzig. Da war die Welle noch ziemlich groß und angsteinflößend. Und auch heute noch rollen ab und an ein paar größere Wellen-Sets an. Aber so langsam lerne ich, sie zu surfen.

Locker-flockig.

Gut, nun habe ich im letzten Blogpost also beschrieben, wie ich im Sommer leicht locker-flockig aus der Hüfte heraus noch in Seignosse (frz. Atlantikküste) die Kündigung meiner Berliner Wohnung in den Briefkasten rangierte, noch ein paar Armbänder kaufte und dann wieder zurück ins Surf-Haus latschte. Easy.

Für mich damals irgendwie eine natürliche Aktion. Ich wusste, es muss so sein. Es muss sich was bewegen in meinem Leben. So, wie das Meer ständig in Bewegung ist.

Die Getriebene.

Nach der Wohnungskündigung ging ich also zurück nach Berlin – mit gemischten Gefühlen. Es war keineswegs so, dass ich nicht ab und zu mal gedacht hätte „was habe ich mir bloß angetan? Bin ich komplett bescheuert …?!“.

Aber ich war wie getrieben. Nach meiner Ankunft in Berlin verging kein Tag, an dem ich nicht mit Hochdruck an allem hinterherjagte, was ich brauchen würde: Wohnung in Frankreich, Auto, Job. Dummerweise alles ziemlich große Dinge. Große Wellen. Etwas zu groß, würde ich rückblickend urteilen. Ich wurde täglich gewaschen und geschleudert. Die Tränen flossen. Manchmal stundenlang.

Dennoch: Das Getrieben sein trug erstmal Früchte: Innerhalb von 2 Wochen organisierte ich mir ein Apartment in Frankreich am Meer, kaufte einen Van (diese Aktion alleine verdient noch einen gesonderten Post, so verrückt wie das war), startete einen neuen Remote-Job und fand eine Nachmieterin für meine Wohnung. Keine Ahnung wie.

Ich war wochenlang so drüber, dass ich das Gefühl hatte, ich würde platzen, wenn ich Samstag abends nicht noch ausgehen und den Kopf frei bekommen konnte. Die Zeit war knapp, und ich stürzte mich trotzdem noch ins Berliner Nachtleben. Es war verrückt und schlimm und schön zugleich. Aber in dem Moment eher schlimm.

Nicht so streng.

„Aber du hattest da ja schon ein Apartment in Frankreich sicher, als du deine Wohnung in Berlin gekündigt hast, oder?“, versucht eine Bekannte mir kurz vor Abreise nach Frankreich zu beweisen, dass ich noch im Besitz eines kleinen Funken Verstandes bin.

„Ach so, ja genau“, lüge ich.

Ich hatte zum Zeitpunkt meiner Wohnungskündigung noch keine sichere Alternative in Frankreich. Das hätte ich einfach wahrheitsgemäß erzählen können, weil es in dem Moment des Gesprächs egal war – zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits etwas in Frankreich sicher. Und meine Bekannte hätte mich niemals verurteilt.

Wiederrum eine andere sehr geschätzte Freundin würde jetzt sagen „Crischi, sei nicht so streng mit dir selbst“. Und wenn ich mir diese Perspektive anschaue, denke ich: Vielleicht habe ich mich einfach ein bisschen geschämt, weil ich selbst wusste, dass, wenn man eine Wohnung kündigt, ohne eine neue Unterkunft in Aussicht zu haben, die Aktion auch mal nach hinten losgehen kann. Und aus diesem Scham heraus habe ich gelogen. Und das, ist auch mal okay.

Big Wave Surfing.

Der Wechsel nach Frankreich war eine einzige gigantische Welle, und ich bekam sie zunächst schlecht in den Griff.

Noch in Berlin arbeitete ich viel zu viel, war schnell erschöpft. Mein Reisepartner bekam einen Tag vor Abfahrt Corona. Ich fuhr 3 Tage lang durch Platzregen und Sturmböen und kam mit dem bis unter die Dachluke vollgepackten Van im Jahrhundertsturm in Frankreich an der Küste an.

Am ersten Abend schaffte ich es wegen dem starken Wind nach einem kleinen Bar-Besuch kaum nach Hause und stand am Ende mit vom Sturm durchnässten Haaren, Panda-Augen und einer Menge Sand im Gesicht vorm Spiegel und erschreckte mich über mein eigenes Bild. Sand, den mir der Sturm ins Gesicht geklatscht hatte, sodass es wehtat.

Mein Apartment war nach kurzer Zeit voller schwarzem Schimmel. Ich merkte, dass mein Job nicht zu mir passte und kündigte wieder. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwer. Bienvenue en France!

Und trotz allem: Das Gefühl, in Frankreich irgendwie richtig zu sein, blieb. Ist noch da. Weiß der Geier, warum (wahrscheinlich weiß er es nicht), aber das hat mich immer wieder angetrieben.

Schritt für Schritt.

Die Gute Nachricht ist, dass ich mich wieder selbstständig gemacht habe und vorübergehend bei Freunden in einem wunderschönen Apartment mit zwei schnurrenden Fellnasen in Sichtweite wohnen kann. Ich habe bald tatsächlich meine eigene kleine Bleibe und hatte in den letzten Wochen mehr Hilfe, als ich es mir jemals hätte erträumen können. Es fühlt sich zwar immer noch an, als würde ich auf einem Drahtseil balancieren und könnte jederzeit abstürzen, aber es geht voran, Schritt für Schritt.

Bitte nicht nachmachen. Oder vielleicht doch.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will, ist sicher nicht „mach es so wie ich“. Um Gottes Willen, bitte nicht nachmachen, haha.

Aber vielleicht ermutigt diese Geschichte dazu, etwas zu tun, was das Bauchgefühl versucht, einem mitzuteilen. Selbst wenn es erstmal „ver-rückt“ klingt. Oder zumindest mal genauer hinzuhören und sich selbst nicht ständig zu verurteilen, wenn Dinge nicht so laufen, wie man es geplant hatte.

Viele sagen immer zu mir „du bist so mutig“, und schnell wird dann angenommen, ich hätte keine Angst. Das ist absoluter Quatsch und die Menschen, die mich gut kennen, wissen, wie viel Angst ich habe. Und dass ich öfter mal an meine Grenzen komme und dass dann gar nix mehr geht.

Aber manchmal tut es einfach gut, die Angst zu überwinden, Hilfe anzunehmen, und zu machen. In 99 Prozent der Fälle passiert nichts wirklich Schlimmes, außer, dass man endlich mal macht, wovon man sonst immer dachte „aber das geht ja nicht“. Und wenn man dann denkt, dass man es doch lieber wieder anders hätte, dann ist die gute Sache: Es lässt sich auch wieder ändern.

Denn das Leben bewegt sich, so wie die Wellen. Mal ruhig, mal wild, mal irgendwas dazwischen – aber eines tut es nicht: Es steht nicht still.

Genug von Pipi Langstrumpf, denn ich muss Unterlagen für die auch hier vorhandenen Ämter abschicken. Alles also wie immer. Außer, dass ich danach einen Abstecher zum Meer machen werde, hahahahaaaaa. I did it! 😊

Impressionen

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The Day of no Return.

Es ist der 25. Juli 2023. Noch sitze ich in einem Surf-Haus in Seignosse (Südfrankreich, Atlantikküste) und arbeite ein paar meiner Aufträge ab. Bald muss ich wieder nach Deutschland. Aber ich habe einen Plan.

Vor ein paar Wochen habe ich entschieden, für unbestimmte Zeit nach Frankreich in ein kleines Dörfchen zu ziehen und meine berliner Wohnung dafür ganz aufzugeben.

Mit Blick auf die Wohnungssituation in Berlin wäre die vernünftige Variante die der Untervermietung gewesen. Aber mittlerweile wir wissen ja alle, dass die vermeintlich vernünftigen Varianten nicht so meins sind. Dafür bezahle ich ja auch meist brav meine „Quittungen“ (Geld, Nerven, Stress …).

Doch es ist noch mehr, es geht darüber hinaus. Ich brauche den Schnitt, dieses Gefühl, dass ich nichts zurücklasse, außer ein bisschen Glitzer auf dem Boden der Tatsachen.

Ich denke auch, dass solche Entscheidungen sehr individuell sind und damit gebe mich mit dieser Rechtfertigung für meine fragwürdige Entscheidung erstmal zufrieden.

Ab die Post.

Als ich da so in diesem Surf-Haus sitze und meinen Kram erledige … schießt mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Meine Wohnungs-Kündigungsfrist!

Drei Monate sind eben drei Monate … (als ob das SO ein Drama wäre, aber in dem Moment kommt es mir echt so vor 😀 )

… und ehe ich mich versehe, bin ich mit einem Stück Papier auf dem Weg zur Post, um meine Wohnungskündigung noch in Frankreich einzuwerfen. Ich stecke den Brief ohne Zögern ein und schlendere zurück durch den kleinen Touri-Ort, als wäre nichts.

Vorbei an Surfboards und Kindern mit buntem Strandspielzeug, vorbei an bummelnden Besucher:innen, die sich billige Armbänder an den Drehständen vor den Geschäften anschauen. Furchtbar.

Kurz reflektiere ich meine Entscheidung im spiegelnden Schimmer der Armbänder: Der „Point of no Return“ (kein Zurück) in Bezug auf meine berliner Wohnung wäre damit also überschritten … OK, war eigenlich einfach.

Kurz kommt mir der Gedanke, ob ich vielleicht den Verstand verloren habe, aber ansonsten keine Beschwerden aus dem rationalen Zentrum. Der leichte Schwindel ist nur der Effekt der schimmernden Armbänder …

Und dann bleibe ich, wie hypnotisiert, doch kurz bei den drehbaren Metallständern voll mit mittelschönen Armbändern vor den Geschäften hängen. Eigentlich brauche ich noch ein paar Kleinigkeiten für die lieben Menschen, die mich in Deutschland die ersten Tage wieder aufnehmen werden. Ich gehe hin und während ich die Armbänder inspiziere („hässlich, hässlich, hä – OMG, ….), denke ich über meine Entscheidungsfreude nach.

Jain.

Ich treffe wichtige Entscheidungen eigentlich immer mit vielen Pro- und Kontralisten. Zuzumindest hatte ich die immer als Tarnung. Sodass ich am Ende sagen kann: “Zumindest habe ich es genau abgewogen, mehr konnte ich nicht tun …!“

Aber eigentlich weiß ich es meistens im Bauch schon viel früher, wie ich mich entscheiden werde. Meist ist das Jain schon lange ein Ja oder Nein. Eigentlich geht es also nur noch darum, eine Bauch-Entscheidung mit rationalen Argumenten verteidigen zu können. Vor anderen, aber irgendwie auch vor mir selbst.

Außer bei diesen Touri-Armbändern … da will es irgendwie nicht so funktionieren. Ich drehe weiter am drehbaren Gitter, in der Hoffnung ich hätte eine Reihe wunderschöner Armbänder übersehen.

Ich muss sagen, der Bauch hat mich bei meinen Entscheidungen selten komplett auf den Holzweg geführt. Ich bin mit den „rational vernünftigeren“ zumindest schon öfter sehr unglücklich geworden.

Ich finde es sowieso schwer, falsche Entscheidungen sofort zu erkennen, wenn man nicht unmittelbar die „Quittung“ bekommt.

Wenn man sich im Touri-Shop ein vermeintlich tolles Armband als Souvenir kauft und es eine Minute später beim Umbinden auseinanderfällt, dann weiß man, dass man es evtl. doch hätte selbst basteln sollen. Und da diese Situation natürlich total vergleichbar mit der meiner halb-spontanen Wohnungskündigung ist und ich bisher nicht „bestraft“ wurde würde ich sagen – alles richtig gemacht!

Luxusprobleme.

Dass ich diese Entscheidung so treffen konnte, hängt auch von der Situation ab, in der ich mich befinde. Sowohl örtlich, aber auch sozial gesehen. Ich kann einfach meine Wohnung kündigen, weil ich weiß: Ich komme notfalls bei Freund:innen oder Verwandten unter.

Ich habe das Geld, um wieder nach Frankreich zurückzugehen. Ich bin in der Lage, alles Nötige einzuleiten und zu organisieren (denke ich jetzt, wartet, bis ich ein Auto kaufen muss). Ich habe einen Job, der mir die nötige Flexibilität gibt. Also eigentlich ist alles, was noch kommt, ein Luxusproblem. Oder mehrere davon.

Aber ich habe eine Verantwortung für mich selbst. Und ich bin ein glücklicherer Mensch, hier in Frankreich, am – oder in der Nähe vom – Meer. Im Moment kann ich nicht genau sagen, ob es am Surfen, an der Kultur oder der Natur liegt, dass es mir hier besser geht – aber das ist auch erstmal nicht relevant. Ich ahne, dass es auch mit dem Reisen an sich zu tun hat. Diese Freiheit, ich habe sie immer gebraucht.

Oder doch nicht …?

Zweifel spielen bei großen Entscheidungen immer eine Rolle. Sie sind normal. Zumindest versuche ich mir das einzureden, wenn sie auftauchen. Zweifel rühren meist aus Unsicherheiten oder Ängsten heraus.

Duden sagt, Zweifel sind „Bedenken, schwankende Ungewissheit, ob jemandem, jemandes Äußerung zu glauben ist, ob ein Vorgehen, eine Handlung richtig und gut ist, ob etwas gelingen kann o. Ä.“. Es hat also damit zu tun, dass wir noch keine Gewissheit darüber haben, ob etwas gelingen wird oder eine Entscheidung richtig war – weil wir die Zukunft nicht kennen. Und das – Überraschung – wird auch immer so bleiben.

Wird das Touri-Armband schnell kaputt gehen? Werde ich die Entscheidung, meine Wohnung komplett aufzugeben und nach Frankreich zu gehen, bereuen?

Nun, dem habe ich nicht viel mehr entgegenzusetzen als: Die für mich einzige Möglichkeit, die Ungewissheit zu beseitigen, ist, es selbst zu testen. Versuch macht klug. Oder schmälert das Konto und schickt einen wieder zurück nach Deutschland. We will see.

Ich kaufe ein paar Touri-Armbänder. Sie sind eigentlich ganz schön und maßlos überteuert, und ich will sie.

Ja, ich will … erstmal.

Dass ich so „radikal“ vorgehe, ist allerdings ein sehr guter Indikator dafür, dass ich etwas wirklich will: Für meinen Plan nach Frankreich zu gehen, nahm und nehme ich ziemlich viel in Kauf – monetär als auch organisatorisch. Ich will es einfach unbedingt und kann es rational nicht unbedingt lückenlos rechtfertigen. Das macht mir Angst.

Denn nur weil man es wirklich will, ist das natürlich kein Garant für Zufriedenheit und Funktionieren eines Plans. Das hat mir die Entscheidung, nach in Berlin zu gehen, wo sich nach nur einem Jahr das Corona-Virus in all seinen Farben präsentierte, deutlich klargemacht. Bereue ich es? Auf gar keinen Fall.

So bleibt mir letztendlich nur das Vertrauen in meine Wünsche und meine Fähigkeiten. Und in das Touri-Armband, dass zumindest nicht sofort nach meinem Kauf in all seine Einzelteile zerfällt. Wird schon klappen.

Stabil!

Gut, vielleicht habe ich mit dem Titel „The Day of no Return“ auch etwas in tief in die dramaturgische Trickkiste gegriffen.

Denn genau genommen (und das ist das Gute), gibt es für mich auch Wendemöglichkeiten. Das ist das Schöne am Reisen. Wenn man merkt, dass man irgendwie nicht richtig ist oder Dinge nicht funktionieren wie geplant (Touri-Armband geht kaputt), kann man umkehren oder den Plan anpassen (Armband reparieren oder direkt selbst basteln).

Deshalb bin ich evtl. auch in Seignosse so relaxed vom Postkasten wieder zum Surfhaus gelatscht (mit der Tasche voller Armbänder wohlbemerkt), wohl wissend, dass meine Entscheidung schon eher unter die Kategorie „größer“ fällt.

Aber anders schaffe ich es nicht. Der Humor und der Vergleich mit kleineren Dingen helfen mir, mutigere Entscheidungen zu treffen und nicht so viele Teufel an die Wand zu malen.

Abschließend würde ich sagen: Auf geht’s! Als ich das schreibe, blicke ich auf die 5-Euro-Armbänder, die bisher verblüffend stabil an meinem Handgelenk weilen.

Music.

Der Song meiner Roadtrip- und Frankreichzeit ist ganz klar „I Don’t Live Here Anymore“ von The War on Drugs.

Enjoy
Tina

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Coming „home“: My road trip through France

This text is dedicated to Christine, one of the strongest and warmest persons I know.

Slowly, the breath-taking mountaintop night view of thousands of city lights glittering through the night in Toulon disappears, accompanied by the roaring sound of the electric window blinds lowering.

I take a deep breath and say “goodbye” to this beautiful city located in the south of France, between the mountains and the French Mediterranean Sea („Alpes-Côte-d’Azur“ region).


I’m in Toulon, because five years ago, I traveled the world and it started with doing my first “workaway”. Workaway is a platform for self-organized voluntary work. I didn’t use it for a while but, back then, I found the most amazing places and people through it.

Christine, the most loving and warm host mom, stayed in touch with me and that’s why I’m here again, now. Her house is located in the mountains. With views over the city, the mountains and even the Mediterranean, it’s hard to decide what to look at first.

But let’s start from the beginning.

France was calling and I had to go

I’m in France, because it’s the only thing I could think about doing for the last year(s). It’s certainly not my first trip to France, but I’ve always dreamed of driving to France, discovering the country and immersing myself in its culture.

So I booked a car, rented out my apartment in Berlin and took off – short version.

The route

I decided not to go to the big cities because I craved the small, family atmosphere. So I stayed in super small villages near Fulda (still Germany), Dijon (see picture below), Valence and Toulouse (see picture below) and met the nicest families, saw different ways of life and lifestyles, beautifully renovated houses, spoke a LOT of French – and I loved it from second one.

Norges-la-Ville (near Dijon)


Driving the autoroute (highway) in France was not always the kind of laid-back road trip I had romantically imaged, but once I decided to take different routes, I was lucky enough to get the most panoramic driving views through the mountains and vineyards of the different regions.

And in between all that road trips, I spent 4 lovely days with Christine, whom I just call “Maman”. She treated me like her own daughter, took me to visit friends, to the movies, we went for walks on the beach and in the mountains.


I helped a bit in the garden, got lots of mosquito bites even Maman told me to use deet and I forgot, I adored her food and “Apéro-time“ (snacks and a drink around late afternoon, before dinner) and we watched “The Voice” together (French version, of course).

At the same time, I was free to do my own thing, and got all her trust.


It’s been a few weeks since I left Toulon as I write this, but I see the night (or day) view from almost the top of the mountain as clearly as I feel Christine’s warmth all around me.

This reminds me why I travel: Because it’s the most beautiful and lasting treasure I can find in my life, memories that will stay in my head and heart forever. It gives me a sense of adventure, love, happiness or even fear, but I love everything about it. It’s my thing, and this trip is the proof that I’m perfectly capable of listening to my intuition and going where my heart needs to be.

And I’m thankful for everyone who is with me on this adventure, either in real life or back in Germany (or wherever in the world).

For more cheesy sentences follow me on instagram.

Want to travel to France?

In case you were wondering, my heart still longs for the waves and the Atlantic coast – which is why my trip did not end in Toulon … 😉

I would be happy to help you organize your (surf) trip to France or answer questions. I can give recommendations for nice routes, good AirBnBs or super nice surf lodges. Feel free to contact me.


Enjoy
Tina

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Wohin der Wind mich trägt – oder ich mich selbst

Warm, etwas kühler, wieder warm, wieder etwas kühler, warm … immer noch warm …

Was sich anhört wie ein Suchspiel, ist das, was ich in meinem Gesicht und an meinem Körper spüre, während ich unter dem Blätterdach eines Waldweges her spaziere.

Ich bin mitten in den letzten Vorbereitungen für meine Frankreich-Reise und habe eigentlich gar keine Zeit für Spazierengehen. Aber ich nehme sie mir – und bin überrascht, dass ich überhaupt an etwas anderes denken und abschalten kann.

Und vor allem bin ich überrascht darüber, dass mir dadurch sogar Gedanken kommen, die ich anschließend aufschreiben will. Wahrscheinlich habe ich das auch Steffi zu verdanken, meiner Berliner „Mama“, bei der ich gestern noch Sachen untergebracht habe und die mich lächelnd fragte: „Schreibst du eigentlich wieder deinen Reiseblog?“.

Gute Frage. „Schreibe ich ihn?“, frage ich mich selbst – wohl merkend, dass ich eigentlich schon dabei bin. Und dann wird es mir bewusst: „Ja man, ich schreibe wieder! Vorbereitungs-Blog-Post – here I come …!“

Der Wind bewegt das Blätterdach über mir in sekundenschnelle hin und her, es raschelt, und die Intensität an Wärme, mit der die Sonne auf meiner Haut landet, ändert sich mit jedem Schritt.

Im Schatten bin ich geschützt, vor der Sonne und der Wärme. Kurz darauf, wenn die Sonnenstrahlen mein Gesicht berühren, spüre ich Energie, tanke auf, verlasse die geschützte Komfortzone. Genieße die Sommerankündigung, bis es mir zu warm wird.

Nur ein Schritt weiter, oder ein Windstoß, und ich bin wieder im Schutz der Blätter. Manchmal entscheide ich selbst, meist der Wind.

Ich freue mich darüber, dass ich das wahrnehme, denn ich dachte ich kann keinen klaren Gedanken abseits der Reiseplanung mehr fassen. Vielleicht denkt manch einer auch beim Lesen „OK jetzt dreht sie völlig ab“. Aber gut, das dachte man schon von vielen literarischen Genies, haha!

Ich denke darüber nach, dass wir selbst entscheiden, ob wir im Schutz des Blätterdaches sein möchten oder ob wir uns aus unserer Komfortzone heraus an eine vielleicht sonnigere, energiegeladenere Stelle begeben – wie wenn wir etwas tun, das uns Energie gibt, anstatt sie uns zu rauben.

Dass es aber auch wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass zu viel Sonneneinstrahlung und Hitze – so schön warm und anregend sie auch ist – im Übermaß nicht gut für unseren Körper sind. Und dass wir deshalb ausreichend Schattenpausen benötigen, für die wir mitunter auch selbst verantwortlich sind.

Das ist das Gute in meiner Situation: Ich kann es selbst entscheiden. Jetzt in diesem Moment, aber auch im Leben. Der Wind sorgt für die kleinen zufälligen Sonnenbäder, aber ich selbst entscheide, ob ich auf dem Weg generell mehr Sonne oder Schatten benötige.

Bis ich das entscheiden konnte und mir auch bewsusst darüber wurde, dass ich es (im Moment) selbst entscheiden kann, hat es etwas gedauert. Aber jetzt bin ich mir meiner luxuriösen Situation umso klarer. Und das ist – trotz allem Vorbereitungsstress – ein echt wahnsinniges Gefühl. Gut. Wohlig. Vertrauensvoll mit mir selbst.

Die Entscheidung, wieder mal meine sieben Sachen zu packen, die Wohnung zu vermieten und für ein paar Monate nach Frankreich zu gehen, um dort zu surfen und zu arbeiten, hört sich cool an. Dabei muss ich aber auch erwähnen, dass es viele Nerven, Zweifel und die ein oder andere Träne gekostet hat – auch wenn ich gerne lässiger gewesen wäre. Es ist eben eine Entscheidung, an der auch viel Geld hängt (und auch das entscheide ich selbst, indem ich in ein vergleichsweise teures Land zur Hochsaison reise) – das vergisst man ja im ganzen lässigen digitalen Surfnomaden-Lifestyle auch gerne mal.

Zum Glück sind die Zweifel vergleichsweise schnell verflogen. Das Geld damit leider auch, haha.

Ich weiß nicht unbedingt oft was ich eigentlich will, hab eher selten einen Plan und bin mir oft unsicher, welcher mein Weg ist. Dass ich nach Frankreich muss, war aber von Anfang an klar. So klar, dass ich nie auf die Idee gekommen bin, ob ich vielleicht woanders hin will (das hatte ich früher beispielsweise des Öfteren).

Wenn ich mir heute ganz bewusst diese Frage stelle, ob ich vielleicht doch woanders hin will, ist es glasklar: Will ich nicht. I want France! Und Surfen! Und pain au chocolat! Und marché! Und Subjonctiv! … Gut, übertreiben wir’s nicht.

Craving France

Es ist komisch, das alles auszusprechen, weil ich mich selten so entschiedene, (selbst)sichere Worte sagen höre. „Ich weiß auch nicht“ scheint lange her. Und kommt wahrscheinlich doch gleich morgen früh wieder, wenn ich entscheiden soll, was ich in meinen Koffer packe.

Ich gehe weiter den kleinen Waldweg entlang, genieße den Frühlingstag.
Ich vertraue mir, die richtigen Schritte zu gehen. Den Rest überlasse ich dem Wind.

Enjoy
Tina

Zugvögel fliegen in einer Formation
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Sie kommen zurück

Heute habe ich das vertraute Geräusch wieder gehört: Die Zugvögel, diese verrückten Tiere. Heute jedoch aus der anderen Richtung: Es ist Anfang April und sie sind auf der Rückreise, aus dem Süden Richtung Deutschland.

Letztes Jahr im Herbst habe ich darüber geschrieben, was sie zum Jahresende in mir auslösen: Neugierde, Sehnsucht, Melancholie. Schaute ihnen bis zur Nackenstarre nach, wohl wissend was ihre Abreise für mich in naher Zukunft bedeuten würde: Kälte, Dunkelheit, ein Winter, der sich spätestens ab Ende Januar ins Unendliche dehnen würde.

Und so kam es, zumindest in meinem kleinen Universum der Empfindungen. Lang und grau und kalt, bis heute und noch viel, viel weiter. Also alles wie immer, und doch wieder anders intensiv. Irgendwie wird’s ja gefühlt doch jedes Jahr schlimmer. Luxusprobleme, aber deswegen fühlt es für mich in dem Moment eben auch nicht weniger scheiße an.

Und jetzt? Anfang April? Wo alles wieder gut sein und Versöhnung in der Luft liegen sollte? Nix is! Immer noch saukalt! Hartnäckige 0°C zeigt das Thermometer morgens. An den Fakten können auch die Zugvögel nichts ändern.

Und doch merke ich, als ich sie beobachte: Zugvögel können Emotionen und Gefühle in mir auslösen – und zwar je nach Jahreszeit ganz verschiedene.

Wie damals schaue ich beeindruckt nach oben, in diese makellose V-Kombination aus dutzenden Flugtieren. Frage mich erneut, wie sie das hinkriegen: Wie die krassesten Synchronflieger. Eigentlich ist es doch unfassbar.

Sie sind also zurück! Was sie wohl denken? Vielleicht erstmal sowas wie „Ach du scheiße, sind wir zu früh …?!“. Ja, viel zu kalt, wie gesagt.

Wahrscheinlich denken sie sich aber eher „Scheiße, zum Glück haben wir die Rückreise geschafft, sind weder verhungert, verdurstet, noch wurden wir irgendwo abgeschossen. Ab ins sichere Berlin-Brandenburg – yes! Endlich wieder der gewohnte Trott – vorausgesetzt, wir finden unseren Kiez in unversehrtem Zustand wieder“.

In mir löst dieses Bild heute irgendwie Erleichterung aus: „Hey, endlich, da seid ihr ja! Welcome back!“. Die sicheren Vorboten für endlich Frühling, für Temperaturen über 10 Grad, für dünnere Jacken. Als würde man einen Freund oder eine Freundin nach längerer Fernreise begrüßen, weil sich mit seiner bzw. ihrer Wiederkehr etwas bestimmt zum Guten hin wenden würde. Aber no Pressure.

Ich stelle mir vor, wie die Zugvögel ankommen: Im lässigen Sinkflug hinabschwebed, braun-gebrannt, die Gegend auschecked mit der Sonnenbrille noch auf der Nase und mit einem Hauch zu viel südländischer Leichtigkeit, der ihnen dann an der ersten Luftkreuzung von anderen Stadtvöglen ausgetrieben wird.

Natürlich weiß ich, dass die „Freiheit“, die diese Tiere in meinem romantischen reisebesessenen Gehirn verkörpern, keine ist. Sie fliegen weg, um zu überleben, und müssen dann wieder zurückkommen, weil es die Natur eben so will. Dazwischen setzten sie nicht weniger aufs Spiel, als ihr Leben.

Ich hingegen bin am Boden im sicheren Wald zum Wandern unterwegs, genieße die Stille, auch wenn sie kalt ist. Hinter mir rumort das gierige Großstadt-Monster mit einem Sound aus Autos, Hektik und Blaulicht. Irgendwas löst sich in mir, oder ich lasse irgendwas los. Anspannung, vor allem. Geil.

Ich denke nach, übers Aufbrechen, übers Ankommen, übers Zurückkommen und alles, was dazwischen passiert. Ich liebe alles davon, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich freue mich auf die Zeit des Reisens, weil ich weiß, dass sie mich verändert. Dass auch am Ort, den man für eine Weile verlässt, die Welt nicht stillstehen und sich Dinge verändern werden – vor allem in Berlin. Alles passiert immer.

Auf Reisen nehme ich meist intensiver wahr, was alles um mich herum passiert, auch die alltäglicheren Dinge. Ich frage mich, ob das rein am Tapetenwechsel liegt, dass man genauer hinschaut und sich vor allem auch mehr Zeit dafür nimmt. Oder ob in meinem Alltag wirklich weniger „passiert“.

In dem Moment bemerke ich das „kleine Mäuschen“ aka Pflegehund, der neben mir her trottet. Er schaut mich mit seinen treudoofen Rehaugen unschuldig an, so als wollte er sagen: „Doch! Ich passiere gerade! Merkst du eigentlich noch was?!“. Recht hat er. So süß, unfassbar. Gut, dass er da ist, hier bei mir.

Ich überlege, was wohl die Schnatternasen weit über mir denken würden, wenn sie mich und das Mäuschen so sehen würden. Als waschechte Berliner Vögel wahrscheinlich sowas wie „Na Fräulein, gilt da unten etwa keine nicht Leinenpflicht?! Schild hamwa wohl überlesen, wa …?!“.

„Typisch“, denke ich, noch nicht mal die Koffer ausgepackt, aber schon direkt alles besser wissen.
Ich verwerfe den Gedanken, aber schaue mich doch sicherheitshalber um, dass mich niemand bei meinem todesmutigen Verstoß beobachtet.
Lauf Hündchen, lauf!

Die Vögel sind zurück, nisten sich wieder in der Heimat ein. Und ich fühle es deutlicher denn je: Für mich ist es Zeit, aufzubrechen.

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Zugvögel

Es ist dieses Geräusch. Es triggert mich, wie kein anderes. Es ist kein Piepen, kein Vogel-Gesang, kein richtiges Schnattern, kein Enten-Nat-Nat. Es ist ein entferntes Kommunizieren hoch oben am Himmel, das von einer Sekunde auf die andere meine Aufmerksamkeit und Sehnsüchte weckt.

Neulich habe ich die Zugvögel zum ersten Mal in diesem Jahr gehört. Und es berührt mich jedes Jahr aufs Neue, als würde ich in eine neue zeitliche Dimension eintauchen. Ich dachte bisher, der Herbst würde sich für mich durch das Regnen von Blättern in den krassesten Rot-, Braun- und Gelbtönen einläuten. Meine Augen sehnen sich so sehr nach diesen kräftigen Farben, die kein Hochleistungsmonitor jemals ersetzen kann. Vielleicht ist das der visuelle Effekt, der offensichtlichere, der die Herbststimmung einläutet. Aber das wirkliche Gefühl, das kommt von weiter oben. Und fliegt von dort direkt in mein Herz.

Ich schaue hoch und erblicke, nach kurzem Suchmanöver meiner Augen, die V-förmige Formation fliegender Tiere vor wolkenlosem blauem Himmel. Ein tolles Bild. Sie sind so hoch. Ist ja auch klar, sie haben Langstrecke vor sich. Da oben ist es weniger turbulent, erklärt mir meine naive Fantasie.

Eine Mischung aus Sehnsucht und Träumerei stellt sich ein. Wohin sie wohl fliegen? Wo lang führt sie ihr Weg? Ich liebe diese Vorankündigung, dieses Drüber-Nachdenken, das Abschweifen in Gedanken über eigene ferne Reisen. Gleichzeitig tröstet mich die Gewissheit, dass am Zielort der Vögel wahrscheinlich ein milderes Klima herrscht. Zumindest in meiner Fantasie ist es immer wärmer, auch wenn ich mir denken kann, dass das nicht für jede Vogelart gilt.

Ich stelle mir vor, wie die Tiere am neuen Ort ankommen, wie nach einer langen Reise, sich erstmal einrichten, sich ihrer Reiseklamotten entledigen, die Gegend erkunden, die Wärme genießen und sich dann darüber freuen, im Warmen überwintern zu können und sich von tollem Essen und neuen Gerüchen verzaubern zu lassen.

Nach kurzer Recherche finde ich heraus, dass die Tiere auf ihren Reisen flugtechnische Höchstleistungen erbringen, manchmal mehrere hundert Kilometer am Stück fliegen. Das überrascht mich nicht. Auch, dass die Reise immer größere Risiken birgt, weil noch immer Vögel abgeschossen werden oder die Folgen der Klimaerwärmung den Fliegenden zu schaffen machen, bringt mich zwar zum Nachdenken, aber wundert mich nicht wirklich. Irgendwie klar, wenn man sich kurz mal in der Realität umschaut.

Trotzdem finde ich es spannend, die Routen einiger Zugvögel nachzuvollziehen. Die Nabu hat ein paar Vögel getrackt, hauptsächlich Turteltauben (love is literally in the air!), und aus den Daten die Flugrouten visualisiert. Meist geht’s bis nach Afrika, nur die Routen an sich unterscheiden sich, je nachdem, woher die Vögel kommen. Manche fliegen östlich über die Schweiz und Italien oder den Balkan und andere über Spanien und Frankreich. Aber auch nach ihrer Ankunft bleiben die Vögel anscheinend nicht immer an einem Ort. Zugvogel-Backpacking.

Die Sehnsucht, dem Winter zu entfliehen, war bei mir noch nicht immer so groß wie dieses Jahr. Das hat sich irgendwie entwickelt. Nach Umfragen im engeren Freundeskreis kann ich vermuten, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Viele fliegen gen Ende des Jahres oder Anfang des neuen nochmal weg, um den Winter zu verkürzen. Das fehlende Tageslicht, die Kälte, die laufenden Nasen – und das bis mindestens April des nächsten Jahres – nicht die Aussicht, die ein Stimmungshoch verursacht.

Zugvögel ziehen ja aber nicht aus Spaß in den Süden, oder weil noch Resturlaubstage genommen werden müssen oder ein Vitamin-D-Mangel ansteht. Der Grund ist, dass sie überleben wollen. Gut, wird man unterwegs irgendwo abgeschossen oder verlassen einen zwischendurch die Kräfte, wird das natürlich nichts. Aber die Aussicht auf einen Winter ohne genügend Futter birgt den wahrscheinlich sichereren Tod. In den wärmeren Ländern winkt die Aussicht auf Nahrung, die sie in den kälteren Ländern nicht finden würden.

Für mich so als Mensch fühlt sich der Gedanke ans Überwintern in wärmeren Ländern auch etwas wie Nahrungssuche an, aber nicht in Form von Essen, sondern als Nahrung für die Seele.

Ich habe im Winter, und gerade in den letzten Pandemie-Wintern, nicht selten das Gefühl gehabt, dass meine Seele langsam verhungert. Die Kälte, die Dunkelheit, das nach 16:00 Uhr nicht mehr rausgehen wollen, und wenn rausgehen, dann immer mit dem Risiko sich einen nicht berechenbaren Virus einzufangen … das Gefühl von Einsamkeit.

Durch einen Zufall bekam ich passend dazu vor kurzem das literarische Essay „Allein“ von Daniel Schreiber in die Finger. Auch er beschreibt (unter anderem), wie er einen Winter nach einem Aufenthalt auf Lanzarote spontan beschließt, länger auf den Kanaren zu bleiben, um eine Art Selbstfürsorge zu betreiben. Und dass es ihm geholfen hat (Schreiber, S. 112 ff.)

Oft habe ich gedacht, woanders zu überwintern würde einer Art luxuriöser Flucht gleichkommen. Was für Winter-Weicheier. Nun denke ich, dass es eher als nährende Zeit für die Seele betrachtet werden kann und auch damit zu tun hat, dass man sich aktiv dafür entscheidet, sich um die seelische Gesundheit zu kümmern.

Während ich die Formation beobachte, die über mich hinwegfliegt, und mein Nacken langsam steif wird, kommt mir noch eine Frage: Woher wissen die Vögel bloß so genau, wohin sie fliegen müssen? Ich ahne, dass irgendwelche komplexen physikalischen Mechanismen im Spiel sind. Unter anderem auf weltderphysik.de kann man nachlesen, dass die Vögel einen inneren Magnetkompass besitzen und sich dadurch am Magnetfeld der Erde und am Stand der Sonne orientieren können. Das reicht mir für einen groben Eindruck.

Zugvögel sind also wahre Orientierungsmaschinen. Und damit das komplette Gegenteil von mir. Sie können das gleiche Nest im Süden Jahr für Jahr wiederfinden – und entsprechend auch in ihr Nest in Deutschland zurückkehren, falls es noch vorhanden ist. Ich verlaufe mich auch heute noch in meinem eigenen Kiez.

Aber warum nicht gleich dableiben, wo die Futterchancen deutlich besser sind und das Klima deutlich angenehmer ist? Im Netz finde ich eine Antwort, die logisch und gleichzeitig wenig gemeinschaftlich klingt: Die Zugvögel räumen das Feld für die in der Region „einheimischen“ Vögel. Nix mit Auswandern also. Naja, vielleicht mögen sie ja das „Nachhausekommen“-Gefühl …

Für die Zugvögel bestimmt die Natur, wann sie wohin gehen. Der Überlebensinstinkt und ein ultra-krasses naturgegebenes internes Navi sind maßgebend. Mir fehlt das Navi, aber ich habe dafür ein okayes Bauchgefühl, dass mir meist ganz akzeptable Reise-Tipps gibt. Zu merken, wann meine Seele neues „Futter“ braucht, muss ich weiterhin lernen.

Das Geräusch der Zugvogel-Laute holt mich ein. Ich atme ein, werde sehnsüchtig, aber etwas in mir ist auch gespannt. Wohin sie wohl fliegen?


Quellen: